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Paketdienste im öffentlichen Visier.

Herr Wallraff unser Geheimjournalist hat sich aktuell mal wieder ins Gespräch gebracht. Diesmal war er undercover bei einem der Paketdienste tätig und berichtet über die schlechte Bezahlung sowie über die schlechten Arbeitsbedingungen.

Aber lieber Herr Wallrauff, es ist doch schon lange kein Geheimnis mehr, dass in vielen Branchen nicht nur schlecht sondern miserabel bezahlt wird. Das Reizwort „Ausbeuterei“ fällt mir dabei nicht nur bei den Paketzustellern sondern auch in vielen anderen Branchen ein. Das ist eine große Sauerei und die Menschen, die durch Subunternehmer und letztendlich durch die verantwortlichen Paketdienste ausgebeutet werden verdienen unser aller Mitleid. Insofern kann man diese Art des Journalismus nur bejahen.

Aber die Hutschnur ging mir dann letztens doch hoch, als ich in der Onlineausgabe des Stern einen Artikel lass, in dem doch glatt dem Verbraucher und den Onlinehändlern die Schuld für die schlechte Situation der Paketfahrer angekreidet wurde. Unter dem Motto: Wenn alle nur noch auf den Preis schauen darf man sich über schlechte Bezahlung und Arbeitsbedingungen der Paketfahrer nicht wundern. Aber so einfach wie der Sternredakteur kann man sich die Sache nicht machen.

Ich selbst bin sowohl Kunde im Internet als auch Onlinehändler. Daher erhalte ich mehrmals die Woche Warensendungen per Zustelldienst geliefert und versende selbst etliche Pakete pro Tag an unsere Kunden.
Als Kunde achte ich natürlich schon (indirekt) auf die Versandkosten. Wenn ich einen Artikel im Internet erwerbe ist für mich der Gesamtpreis relevant. Und dazu gehören eben auch die Versandkosten. Der Händler, der am günstigsten kalkuliert kann mir den besten Endpreis anbieten und der erhält dann auch den Zuschlag von mir. Das heißt aber nicht, dass ich an der schlechten Bezahlung der Paketfahrer schuld bin. Ich achte lediglich auf meinen persönlichen Vorteil Und sind wir doch mal ganz ehrlich. Selbst wenn ich bereit wäre 10 € mehr zu bezahlen würde das Geld doch beim Onlinehändler, spätestens beim Paketdienst versickern. Dem Fahrer kann ich da lieber ein kleines Trinkgeld geben, da hat er mehr von.

Als Onlinehändler sieht die Sache genauso aus. Ich beziehe meine Waren bei den Großhändlern und Herstellern, die mir die besten Konditionen bieten. Und genauso gehe ich bei der Wahl des Paketdienstes vor, den ich mit der Beförderung meiner Pakete beauftrage. Ausschlaggebend ist hier primär der Preis pro Paket. Aber auch hier fühle ich mich nicht verantwortlich für die schlechte Bezahlung der Paketfahrer und bin es auch nicht.

Wer trägt denn dann die Schuld an der Miesere der Paketfahrer? Zum ersten natürlich die Unternehmen, die um jeden Preis die Kosten drücken und den Gewinn erhöhen möchten/müssen. Man hat mittlerweile in vielen Branchen den Eindruck, als wenn es nur noch darum geht den Gewinn für die Aktionäre und sonst am Unternehmenserfolg Beteiligten zu erhöhen. Jeder Cent der bei den Paketfahrern gespart wird kommt dem Jahresgewinn zugute. Nur ein Euro im Monat pro Paketfahrer gespart spült schon eine beachtliche Summe in die monatliche G und V.
Als Unternehmer, ehemaliger Unternehmensberater sowie ehemaliger Leiter eines Bewerbungsstudios muss ich an dieser Stelle allerdings auch mal eine Bresche für die Paketdienste schlagen. Es fällt mir etwas schwer es so deutlich auszudrücken. Aber die Voraussetzungen und Qualifikationen die ein Auslieferungsfahrer haben muss ist einfach äußerst gering. Lesen, schreiben und ein gültiger Führerschein. Das war es im Grunde schon. Das sich in dieser Branche also sehr viele schlecht oder gar nicht ausgebildete Mitarbeiter einfinden ist nur natürlich. Und das ein Unternehmen solch gering qualifizierten Mitarbeitern keine Spitzenlöhne zahlt eigentlich auch. Auch wenn es traurig und für unsere Volkswirtschaft fast tödlich ist muss man es doch klar und deutlich sehen: Wir haben mittlerweile in Deutschland viel zu viele schlecht oder gar nicht ausgebildete Menschen. Und in solch einer Situation sitzen Unternehmen die keine besonders ausgebildeten Mitarbeiter benötigen auf dem hohen Ross. Unter dem Motto wenn Sie gehen stehen schon 10 neue Bewerber auf der Matte.

Fazit: Die schlechte Bezahlung und die maroden Arbeitsbedingungen im Zustelldienst sind Ergebnisse der schlechten Bildungspolitik, der schlechten Integrationspolitik und nicht zuletzt der immer noch hohen Arbeitslosenzahlen. Solange werden bestimmte, gering qualifizierte Berufsgruppen schlechte Arbeitsbedingungen vorfinden und bezüglich der Entlohnung auf der untersten Stufe stehen. Daran ändert sich sicherlich auch nichts, wenn wir nur noch teure Zustelldienste beauftragen.

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