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Ausländische Herkunft als Karrierebremse?

Als ehemaliger Mitarbeiter eines Bewerbungszentrums und studierter Personalfachmann (Universitätsabschluss) ist mir die aktuelle Diskussion und der Versuch anonymisierte Bewerbungen für die erste Auswahl zu benutzen besonders aufgefallen. Und ganz besonders natürlich der Artikel unter stern.de und auch der stern TV-Praxistest. Wobei ich zugebe, den TV-Praxistest nicht gesehen zu haben. SternTV ist mir einfach ein bisschen zu weit am Bildzeitungsniveau.
Aber wie sieht es in der Realität aus? Im Artikel geht es ja primär um Akademiker. Sofort das erste Beispiel ist sehr auffallend und auch sehr prägnant. Es geht um eine junge Frau mit dem Pseudonym Dilek Kara, die 180 Bewerbungen geschrieben und trotzdem keine Anstellung gefunden hat. Als erfahrener Personalberater würde ich mir erst einmal Ihre Bewerbungsunterlagen anschauen. Denn wenn ein Akademiker nach 180 Bewerbungen noch immer keine Anstellung gefunden hat, dann ist etwas wirklich nicht in Ordnung. Meistens liegt es dann aber nicht am Namen oder der Herkunft sondern an anderen Faktoren. Was wünscht sich ein potentieller Arbeitgeber von einem studierten Bewerber, der gerade von der Uni kommt? Überlegen wir mal gemeinsam:
1. Gute Noten! Eigentlich selbstverständlich. Guter Abiturschnitt, gute Noten in den Zwischenprüfungen und natürlich eine gute Abschlussnote. Nur eine gute Abschlussnote reicht mit Sicherheit nicht.
2. Kurze Studiendauer. Und da geht es nicht um den Vergleich mit der Regelstudienzeit, sondern schlicht und ergreifend um die Konkurrenz. Wenn meine Mitbewerber in Schnitt 2 Semester weniger für den Studiengang gebraucht haben, erhalte ich eben eine Absage. Ganz klar.
3. Gerader Studienweg. Also wer nach dem Abitur erst einmal ein paar Monate Urlaub gemacht hat und dann sein Studium erst ein Jahr später als alle anderen beginnen konnte, der hat später im Bewerbungsprozess schlechte Karten. Ebenso derjenige, der erst einmal mehrere Semester in verschiedenen Studiengängen vergeudet und dann im 3. oder 5. Semester bei den Erstsemestern anfängt.
4. Engagement während des Studiums. Wer lediglich seine Pflichtvorlesungen besucht zeigt sein Desinteresse am Fach, welches er gewählt hat. Ein Studienfach, dass man wirklich aus Interesse gewählt hat, dass interessiert einen auch über die Pflichtveranstaltungen hinaus. Und das kann man dann auch im Lebenslauf angeben (und wird entsprechend vom potentiellen Arbeitgeber gewürdigt).
5. Ordentliche Bewerbungsunterlagen (gerade Bewerbungen von Akademiker lassen da sehr zu wünschen übrig). Und natürlich auch ein ordentlicher Bewerber. Zum Bewerbungsfoto den Anzug der letzten Familienfeier anzuziehen hilft da recht wenig. Wer in die oberen Etagen will, sollte sich auch so benehmen und entsprechend kleiden. Und als Mann sollte man zum Berufseinstieg schon über 5 Anzüge und 20 Oberhemden verfügen. Und zwar nicht von Aldi oder Hochzeitsausstatter, sondern vom Herrenausstatter mit entsprechender Beratung.

Wie man an den ersten vier Punkten sehr deutlich sieht, beginnen die Vorbereitungen für eine gute strategische Bewerbung bereits während der Abiturzeit und zieht sich bis zum Studienabschluss hin. Bewerber, die sich erst im letzten Semester Gedanken über Ihre berufliche Zukunft machen, oder simpel auf die Abschlussnote setzen, sind dann die Verlierer. Das war schon zu meiner Studienzeit so und hat sich heute nicht geändert. An der Herkunft oder Hautfarbe liegt es nach meinen Erfahrungen und Beobachtungen eher weniger.

Es geht übrigens auch anders. Beispiel gefällig?
Ein junger Mann der mit seinen 22 Jahren schon den Bachelor in Informatik in der Tasche hat. Bereits während der Abiturzeit hat er sich intensiv mit seinem späteren Fachgebiet auseinander gesetzt und ehrenamtlich für mehrere Vereine die Webseiten betreut und programmiert. Während seine Kommilitonen im ersten Semester Programmierübungen absolvieren durften, konnte er sich mit wichtigeren Themen beschäftigen. Programmieren konnte er nämlich schon.
Die Semesterferien hat er bei international renommierten Unternehmen verbracht. Dafür hat Papa auch tief in die Tasche gegriffen und seinen Sohn beim Herrenausstatter komplett eingekleidet. Schickes Outfit, gute Fachkenntnisse und ein sicheres Auftreten führten dazu, dass Ihn jede der Firmen gerne bereits vor Abschluss seines Studiums einstellen wollte.
Während der Studienzeit betreute er Erstsemester und später war als wissenschaftlicher Mitarbeiter tätig. Gute Kontakte zum Professor und zu einigen Doktoranden ist sicherlich auch nicht schlecht. Denn an wirklich gute Jobs kommt man einfacher durch richtige Empfehlungen. Und die erhält man nicht nur wenn man gute Noten hat, sondern auch persönlich durch sein Engagement positiv bekannt ist.
Der junge Mann hat übrigens die Stellenangebote nach Rücksprache mit den Personalchefs auf Eis gelegt und macht erst einmal seinen Master. Auf gute Leute wartet ein Personalchef gerne noch ein paar Semester und beschäftigt sich in der Zwischenzeit mit halbherzig erstellten Massenbewerbungen. Ob die anonym sind oder nicht ist Ihm da sicherlich vollkommen egal.

Ein paar bissige Bemerkungen zum einseitigen Artikel bei stern.de sei mir doch noch erlaubt.
Zum Beispiel ist mir folgende Aussage böse aufgestoßen: „Deutschland werde diese gut qualifizierten Leute deshalb verlieren.“ Gut qualifizierte finden immer Ihren Job! Die, die wir verlieren sind dann wohl doch die zweite Wahl. Und nur weil jemand studiert hat, ist er noch lange nicht gut qualifiziert (siehe obige Ausführungen).
Oder diese Aussage: „Die meisten Einladungen zu einem Gespräch erhält am Ende die deutsche Bewerberin Nina.“ Soso. Es wird einem doch immer eingeredet, dass Frauen es im Bewerbungsprozess so schwer hätten. Und insbesondere in den Führungspositionen. Und hier bekommt Nina die meisten Einladungen? Hm. Um welchen Studiengang ging es bei dem Artikel eigentlich? Oder vergleichen wir hier die berühmten Äpfel und Birnen?
Warum werden übrigens Foto und Alter beim anonymisieren raussortiert? Das sind doch beides auch wichtige und ausschlaggebende Kriterien für ein Unternehmen. Nur weil jemand eine bestimmte Haarfarbe hat, wird er bestimmt nicht missachtet. Und wer meint er muß sein Kopftuch schon beim Bewerbungsfoto provokativ in den Vordergrund rücken, der hat wahrscheinlich nicht nur im Berufsleben ein Problem. Das gleiche gilt aber auch für alle anderen mit einem solch auffallenden Äußeren.
Merke: Die Unternehmen passen sich nicht den Bewerbern an, sondern suchen sich Leute die zu Ihnen passen. Und da zählt auch das Äußere.

1 Kommentar

  1. Ausländische Herkunft als Karrierebremse?:

    […] Ausländische Herkunft als Karrierebremse? […]…

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